Utopie Öko-Tourismus?

Nach einem Tag am Strand lassen die Massen ihren Müll liegen und kehren zurück in die Betonklötze mit Meerblick. 200 Millionen Menschen arbeiten weltweit in der Tourismus-Branche, ein kleiner, wachsender Teil sind nachhaltige Reisen. Philip Sloan, Experte für nachhaltige Hotellerie an der Internationalen Hochschule Bad Honnef/Bonn, über wirklich nachhaltige Angebote, Öko-Tourismus und die Verantwortung der Touristen

Philip Sloan von der Internationalen Hochschule Bad Honnef

enorm: Herr Sloan, was ist nachhaltiger Tourismus?
Sloan: Nachhaltiger Tourismus steht auf drei Säulen: Erstens müssen die Unternehmen sich selbst ökonomisch tragen, zweitens die Umwelt schonen und drittens gesellschaftliche Verantwortung tragen.
Das bedeutet, sie nutzen
erneuerbare Energien, schützen das Ökosystem vor Ort und integrieren das Hotel in die Landschaft, sodass es zur natürlichen Umgebung passt. Die Unternehmen behandeln die Anwohner, Mitarbeiter und Touristen fair und zahlen gerechte Löhne.

Kann Tourismus nachhaltig sein?
Ja und es gibt Beispiele, die das beweisen. Vergangene Woche war ich in einem Passivhaus-Hotel in Wien, das mehr Energie produziert als es verbraucht. Sie nutzen nur natürliche, umweltschonende Baumaterialien und servieren nur Bio-Produkte. Das Hotel an sich ist also ein nachhaltiges Tourismus-Angebot. Das Problem ist nur: Wie reisen die Touristen zu dem Hotel? Wer für ein Wochenende aus den USA dorthin fliegt, hat schon vor der Ankunft mehrere Tonnen CO² produziert. Das Wiener Hotel versucht dem entgegen zu wirken, indem sie Rabatte vergeben – an alle Gäste, die zu Fuß oder mit dem Fahrrad anreisen.

Schadet ein Öko-Hotel in einem Gebiet mit ursprünglicher Natur nicht mehr als es helfen kann?
In so einem Fall müssen die Anbieter sehr vorsichtig sein. Sie müssen die Einflüsse auf die Umwelt genau analysieren, bevor sie mit dem Bau beginnen. Dann können sie die Anlage so konzipieren, dass es die Umwelt und die Anwohner so stark schützt wie möglich.
Wird diese Analyse nicht durchgeführt oder umgesetzt, werden Umwelt und Kultur vor Ort zerstört. Wenn die Einführung von Geld in die Region nicht begleitet wird, nutzt der neue Wohlstand den Anwohnern nicht. Stattdessen geben sie das Geld für Alkohol aus.

Wie kann die kulturelle Zerstörung verhindert werden?
Durch soziales Unternehmertum: Es geht darum, mit den Anwohnern zusammen zu arbeiten, sie ins Zentrum des Projekts zu stellen. Das Ziel muss sein, ihre Bedürfnisse zu erfüllen und sie so stark wie möglich durch den Tourismus profitieren zu lassen. Um das zu erreichen, müssen sie in jede Phase des Projekts eingebunden werden.

Worauf müssen Kunden vor dem Buchen achten?
Sie können sich über den Anbieter informieren. Allerdings ist es schwer, etwas zu garantieren, das auf der anderen Seite der Welt angeboten wird. Der Anbieter trägt also nicht die alleinige Verantwortung, sondern vor allem auch der Kunde.
Ein wichtiger Anhaltspunkt sind Öko-Siegel. Der Markt ist für Kunden leider sehr unübersichtlich, weil es viele verschiedene Siegel und Anbieter gibt, von denen nicht alle wirklich nachhaltig sind. Es gibt knapp 40 unterschiedliche Siegel, deren Standards teilweise nicht hoch genug sind und dadurch zu Kunden enttäuschen. Ein gutes Label ist aber beispielsweise Green Globe.

Warum gibt es nicht nur ein Siegel?
Das Problem ist die Komplexität von nachhaltigem Tourismus. Bisher hat niemand einheitliche minimale Standards festgelegt, ab wann sich ein Anbieter „nachhaltig“ nennen darf.

Wie kann sich der Tourist nachhaltig verhalten?
Der verantwortungsbewusste Tourist macht nicht viele kurze Reisen, sondern lieber eine längere Reise pro Jahr, weil das der Umwelt weniger schadet. Den Rest des Jahres verbringt er in seiner Region, macht Spaziergänge oder Fahrrad-Touren.
Die Wahrheit ist: Reisen in ferne Länder sollten als einzigartiges, besonderes Erlebnis angesehen werden. Es ist viel nachhaltiger, im eigenen Land Urlaub zu machen als in fernen Ländern – ganz nach dem Motto „Lokal vor global“.

Mehr Infos unter www.sustainabilityinhospitality.com

Interview: Susanna Andrick


3 Kommentare

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