Übererfüllt die EU ihre Kyoto-Ziele oder haben die Skeptiker doch recht und die Erderwärmung steigt um vier bis sechs Grad? Auch die Unternehmensberatungsfirma PricewaterhouseCoopers zeichnet ein eher düsteres Bild
Die Meldung, die die Europäische Umweltagentur (EUA) vor ein paar Tagen veröffentlichte, klang optimistisch. Ersten Schätzungen zufolge ist die EU nämlich dabei, als gesamte Union ihre Kyoto-Ziele überzuerfüllen, wie Jacqueline McGlade, die Exekutivdirektorin der EUA, sagte. Zwischen 2010 und 2011 gingen die Treibhausgasemissionen demnach um 2,5 Prozent zurück – und das bei gleichzeitigem Anstieg des Wirtschaftswachstums um 1,5 Prozent. Das ist bemerkenswert: Skeptiker der Energiewende klagen ja, dass der Umbau des Energiesektors auch dazu führen würde, dass die hiesige Wirtschaft leiden könnte.
Ein heute veröffentlichter Bericht, der den Blick weitet und die Wirtschaft global betrachtet, lässt diese Entwicklung wie ein Tropfen auf den heißen Stein aussehen. Die Beratungsfirma PricewaterhouseCoopers (PwC), die nicht für Panikmache bekannt ist, wie der Guardian formuliert, hat anlässlich des UN-Klimagipfels in Doha, Katar, Ende November eine drastische Warnung herausgegeben. Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass die globalen Aktivitäten zum Schutz des Klimas nicht ausreichen. Um das Zwei-Grad-Ziel zu erreichen, müsste die CO2-Intensität bis zum Jahr 2050 weltweit um durchschnittlich 5,1 Prozent jährlich sinken. Dieser Wert wurde in den vergangenen 50 Jahren nie erreicht. 2011 lag die Reduktion bei nur 0,7 Prozent.
Laut PwC ist eine Erderwärmung um vier, eventuell sogar sechs Grad Celsius realistisch. Selbst eine Verdopplung unserer derzeitigen Anstrengungen würde diese Entwicklung nicht verhindern. Die Folgen: Weite Teile Südeuropas und Nordafrikas werden aufgrund der anhaltenden Hitze und Dürre unbewohnbar, küstennahe Städte sind von den steigenden Meeresspiegeln bedroht und zwingen Millionen Einwohner, in andere Gegenden umzusiedeln.
Bereits vor drei Monaten hat der Umweltaktivist Bill McKibben im amerikanischen „Rolling Stone“ in einem viel beachteten Aufsatz auf die „erschreckende Mathematik“ der Klimaerwärmung hingewiesen. Auch er kommt zu dem Ergebnis, dass das Zwei-Grad-Ziel nicht mehr erreicht werden kann.
Text: Marc Winkelmann